Franz Schreker Renaissance

Veröffentlicht am 14. Juni 2026 um 17:30

Der österreichische Musiker Franz Schreker war Anfang des 20. Jahrhunderts einer der erfolgreichsten und meistgespielten Komponisten im deutschen Sprachraum. Als Repräsentant der Wiener Moderne ließ er Inspirationen aus den Kunstströmungen Literarischer Impressionismus, Naturalismus und Symbolismus in seine Opern einfließen. Seine gefühlsbetonte, mystische, schwelgerische Musik ist geprägt von der Faszination des Geheimnisvollen, unstillbaren Sehnsüchten und knisternder Erotik. Zwei deutsche Opernhäuser – die Deutsche Oper Berlin und die Bühnen Halle an der Saale – haben in faszinierender Weise Opern von Schreker dargeboten und damit sicherlich eine Renaissance dieser herrlichen Musik unterstützt.

 

Franz Schreker wurde 1878 in Monaco geboren. Sein Vater – ein bedeutender österreichischer Hoffotograf – betrieb mehrere Ateliers in Europa. Er stammte aus einer jüdischen Familie, konvertierte aber (1876) zur Evangelischen Konfession. Die Familie Schreker lebte dann (ab 1881) eine Zeit lang in Linz, bis zum Tod des Vaters 1888. Mit sechs Kindern zog Franz Schrekers Mutter hierauf nach Wien.

 

 

 

 

 

 

 

Franz Schreker, etwa um 1912. Quelle: Wikipedia

 

Schnell – mit 11 Jahren - erhielt Franz Schreker eine umfassende Musikerausbildung in Wien mit Unterricht in Orgel, Klavier, Musiktheorie und Harmonielehre. Das Konservatorium besuchte er ab 1892, sein Diplom in Komposition erhielt er 1900.

Schrekers kompositorisches Schaffen fand bis 1920 fast ausschließlich in Wien statt. Es entstanden zahlreiche Orchesterstücke und Lieder, seine erste Oper Flammen wurde 1902 in Wien uraufgeführt.

Franz Schreker pflegte in Wien immer Austausch und Zusammenarbeit mit den bedeutendsten Komponisten seiner Zeit, mit Mahler und Zemlinsky, später auch mit Korngold und Pfitzner. Aufführungen des jeweiligen Komponistenkollegen in respektvoller und inspirierender Weise fanden ständig statt, der Beginn des 20. Jahrhunderts war eine Blütezeit der Oper in Wien.

 

 

 

 

 

 

Franz und Maria Schreker (oben). Quelle: Wikipedia

Franz und Maria Schreker, um 1931 (rechts). Quelle: Franz Schreker Foundation

1909 heiratete Franz Schreker. Seine Frau Maria war eine bekannte Opernsängerin, die später auch seiner Oper Der Schatzgräber mit ihrer Interpretation zu viel Erfolg verhalf. Ihre Kinder Ottilie (genannt Haidy) und Imanuel (genannt Immo) waren 1910 und 1914 geboren.

 

Seinen größten Erfolg, der ihn weltberühmt machte, erlangte Franz Schreker 1912 mit der Uraufführung seiner Oper Der ferne Klang in Frankfurt / Main. In Wien wurde das Werk vor allem aus Gründen der Unsittlichkeit abgelehnt und bis zum Ende der Kaiserzeit dort auch nicht aufgeführt. Somit gelangten dann alle weiteren großen Erfolge – Die Gezeichneten 1918 und Der Schatzgräber 1920 – in Frankfurt zur Uraufführung. Das Spielwerk und die Prinzessin wurde allerdings 1913 zeitgleich in Frankfurt und in Wien uraufgeführt. Franz Schreker schrieb die Libretti zu seinen Opernerfolgen selbst.

 

Seinen nächsten Lebensabschnitt verbrachte Franz Schreker in Berlin. Er wurde 1920 dort zum Direktor der Berliner Musikhochschule ernannt. Erfolgreiche Aufführungen seiner Opern fanden in ganz Deutschland statt. Maria Schreker debütierte als Els in Der Schatzgräber 1922 in Münster.

Auch nach dem Ersten Weltkrieg waren Schrekers Opern weiterhin vom Fin de Siècle – mit allen Charakteristika, wie Endzeitstimmung, Genusssucht und der Frage nach dem Unbewussten – geprägt. Auch Künstlerfiguren – Fritz, Meister Florian und Elis – sind die Protagonisten der Erfolgsopern.

 

Franz Schreker wurde von den Nazis zunehmender angefeindet. 1932 musste er die Leitung der Berliner Musikhochschule abgeben, übernahm eine Stelle in der Preußischen Akademie, wurde jedoch ein Jahr später auch dort entlassen. 1933 starb Franz Schreker an einem Herzinfarkt, seine Familie konnte emigrieren.

 

 

 

 

 

 

Familie Schreker (um 1930) - Maria, Ottilie (Haidy), Imanuel (Immo) und Franz. Quelle: Franz Schreker Foundation

 

 

 

Die Bühnen Halle an der Saale haben sich des äußerst selten gespielten Meisterwerkes Das Spielwerk und die Prinzessin angenommen, in einer spannenden Inszenierung von Nele Lindemann. Diese Oper erschließt sich nicht sofort, weder musikalisch noch vom Inhalt her. Aber gerade das macht die großartige Faszination aus. In beiden Aspekten nimmt man das erste Mal etwas mit, wovon man mehr hören und wissen will, und mit jedem Male kann man nicht genug davon bekommen. Man wird von dem „Spielwerk“ so in Bann gezogen wie die Protagonisten der Oper.

 

 

Die Oper in Halle an der Saale (links)

Marktkirche St. Marien (rechts)

 

 

 

Aus der grandiosen Produktion der Bühnen Halle. Thomas Weinhappel (Meister Florian, links oben), Ki-Hyun Park (Wolf, rechts oben), Franziska Krötenherdt und Chulhyun Kim (Prinzessin und Bursche, links unten), Franziska Krötenheerdt und Michael Zehe (Prinzessin und Kastellan, rechts unten) © Anna Kolata

Sehr gut wird das von Roberto Becker im Magazin „Die deutsche Bühne“ formuliert:

„Das Spielwerk und die Prinzessin“ … zählt … zu dessen höchst selten gespielten Werken. Was nicht verwundert. Aber nicht wegen der Musik, sondern eher wegen des so symbolistisch überladenen, wie verwirrend gestrickten Librettos, das sich Schreker da selbst zusammengebastelt hat. Ein Gut-und-Böse-Personaltableau wie aus dem Märchenbuch. Mit viel Geheimnisvollem und Adaptiertem. Mit einer Prinzessin, die krank zum Tode hin ist, wie eine alt gewordene Salome und einem fröhlichen Wanderburschen, der sie erlösen will. Wo Übermächte am Werk sind, das Volk rumort, dem titelgebenden Spielwerk und dessen Schöpfer misstraut. Und wo die ekstatische Enthemmung, in die sich die Handlung (besser das Geschehen bzw. die Seelenzustände) hineinsteigert, in einer Katastrophe mündet. Diesem Libretto ist rational und mit den bewährten Mitteln des Musiktheaters kaum beizukommen.

Denn die [Musik] verbirgt ihre betörende Schönheit und Suggestivkraft kein bisschen hinter neutönendem Aktionismus. Die will in den Bann ziehen mit all der Macht, die die Nachfahren und Überwinder Wagners aufzubieten haben. Und da hat Schreker einiges zu bieten. Manchmal meint man sogar, ein paar verwehte Klänge aus dem Gralsbezirk zu vernehmen. Was Schreker hier entfesselt, ist weder ein provozierender Bruch mit der Spätromantik noch deren Imitation. Es ist schon der selbstbewusste Schritt weiter in eine eigene Sprache des Orchesters und dessen Verbindung mit dem Parlando der Protagonisten, die ihm dauerhaftes Interesse sichern. Der aber zugleich dem mit Wagner und Strauss vertrauten Hörer von heute den Genuss des Nachhalls garantiert. 

 

Und wieder bin ich der Deutschen Oper Berlin dankbar dafür, dass sie ein nahezu vergessenes Opernjuwel ausgegraben hat und in einer fantastischen modernen (jedoch zugänglichen, die keiner Erklärungen vorher im Foyer bedarf) Inszenierung (von Christof Loy) dem Publikum anbietet: Der Schatzgräber. Ein Mitschnitt ist als Stream oder DVD erhältlich. Das Theatermagazin „Die deutsche Bühne“ findet wieder die richtigen Worte (hier von Regine Müller), um es zu beschreiben:

Die Geschichte ist aberwitzig, verkleidet als Märchenstoff geht es um die Gier nach Gold als Chiffre für die Suche nach Glück, Anerkennung und Identität. Zudem geht es um die Rolle der Kunst als magisches Mittel allumfassender Erfüllung und Beglückung und – nicht zuletzt – um fiebernde Männerfantasien. Außerdem arbeitet Schreker sich mit manischer Ausdauer am Übervater Wagner ab, und das nicht nur in der üppig wuchernden Partitur inklusive „Tristan“-Zitaten, sondern auch im vor Verweisen überquellenden, selbst verfassten Textbuch: Da erinnert ein Frageverbot an „Lohengrin“, die Hauptfiguren „Els“ und „Elis“ weisen auf Elsa hin, die güldenen Schätze, die Kraft geben und nehmen, spielen auf den „Ring“ an und da wird auch ein Weibchen „sich erkiest“. Aber auch der „Ilsenstein“ kommt vor, an dem in Humperdincks „Hänsel und Gretel“ die Hexe haust, und Dvoraks Nixenmusik aus „Rusalka“ wetterleuchtet durch die Partitur.

Aus der grandiosen Produktion der Deutschen Oper Berlin, die auch als Stream oder DVD erhältlich ist. Link zum Trailer (Werbung ist eventuell zu Überspringen): https://www.youtube.com/watch?v=qnSlbQtTNMY

Elisabeth Strid (Els), Daniel Johansson (Elis), Michael Laurenz (Narr), Thomas Johannes Mayer (Vogt) © Monika Rittershaus

 

Und es sei noch anzumerken, dass bei allen Assoziationen zu Richard Wagner diese Oper keineswegs ein Plagiat darstellt, sondern ein geniales und originales Meisterwerk von Franz Schreker.

Ich hoffe, ich kann mit diesem Beitrag Neugier und Leidenschaft für Franz Schreker erwecken, so dass der Leser/die Leserin die Spielpläne beobachtet …. März 2027, Der ferne Klang in Kopenhagen? Falls jemand in der Nähe ist?

 

LINKS:

Zur Franz Schreker Foundation:

http://www.schreker.org/neu/index.html