Leoš Janáček in Brünn

Veröffentlicht am 8. Juni 2026 um 20:00

Von Jahr zu Jahr entfernt sich das Janáček Festival in Brünn (Brno) immer mehr davon, ein Pflichttermin lediglich für neugierige Opernfreunde und Verehrer des genialen mährischen Komponisten zu sein. Die Aufführungen werden immer ambitionierter, was MusikerInnen und Inszenierungen betrifft, mittlerweile muss man sich schon sehr früh um gute Karten kümmern. Das begeisterte tschechische Publikum und die angereisten Liebhaber von Janáčeks emotionaler Musik feiern nahezu jede Aufführung mit Standing Ovations. Es ist ein unvergleichliches Erlebnis, eine Oper von Leoš Janáček in Brünn zu sehen – sicherlich vergleichbar nur mit jener Atmosphäre, die in Bayreuth unter Wagnerianern aufkommt. In der gesamten Stadt sind Spuren und Zeugnisse seines Lebens und seiner Kunst zu entdecken und das ist nur ein Aspekt der reichhaltigen Kultur, die Brünn zu bieten hat.

 

Leoš Janáček wurde 1854 in Hukvaldy (nordöstliches Mähren) geboren. Sein Vater Jiří Janáček war Lehrer in dem Dorf und auch für die Kirchenmusik zuständig, womit auch die Kompetenz vorhanden war, auf das musikalische Talent seines Sohnes aufmerksam zu werden. Mit 12 Jahren wurde Leoš nach Brünn ins Augustinerkloster zur weiteren Ausbildung geschickt. Im selben Jahr verstarb jedoch sein Vater, die Vormundschaft für ihn und damit die Verantwortung für finanzielle Belange musste sein Onkel übernehmen. Seiner Mutter Amalie war dies in der damaligen Zeit nicht gestattet.

 

 

 

 

 

Leoš Janáček, Quelle: Encyklopedie dějin Brna

 

Das Augustinerkloster war ein renommierter Ort der Bildung in Kunst und Wissenschaften (Gregor Mendel legte dort die Grundlagen für unser Wissen über Genetik / Mendel’sche Gesetze). Zu Janáčeks durch Natur und deren Schönheiten geprägtem Empfinden gesellte sich nun das begierige Kulturleben einer aufstrebenden Metropole. Alles das sowohl innerhalb als auch außerhalb der ruhigen Klostermauern ausführen zu können, ermöglichte es ihm, in Brünn beide Temperamente dafür auszuleben. Ein glückliches Familienleben blieb hingegen auf der Strecke. Leoš wirkte im Kloster auch bei den Brünner Sängerknaben (genannt Blaukehlchen) mit. Danach erfolgte mehr ein Fokus auf die Brünner Lehrerbildungsanstalt, Janáček half im Kloster als Musiker (Kirchenmusik, Orgel, Chor) aber weiterhin aus.

 

Das heutige Brünn: Náměstí Svobody (Freiheitsplatz), Hrad Špilberk (hier gibt es auch Sommeroper), Kathedrale St. Peter und Paul und Statue vor dem Janáček Theater

Leoš Janáčeks Einkommen war zu dieser Zeit gleich Null. 1872 wurde er als Hilfslehrer aufgenommen, Emilián Schulz – sein späterer Schwiegervater – war in der Lehrerbildungsanstalt Direktor. Für seine Tätigkeiten im Kloster erhielt Leoš lediglich Verköstigung. Er engagierte sich für den aufstrebenden tschechischen Kulturverein Beseda Brněnská mit Männerchören im Besední Dům (heute Sitz der Brünner Philharmonie). Diese Chöre leitete Janáček gegen Honorar und beschenkte die Institution mit eigenen Kompositionen.

1875 erwarb Janáček an der renommierten Orgelschule in Prag ein Diplom in Kirchenmusik. Er lernte auch weitere tschechische Komponisten - Josef Bohuslav Foerster, Zdeněk Fibich, Antonín Dvořak – kennen und blieb mit diesen in Austausch und Freundschaft verbunden. Danach in Brünn entwickelte er sich an der Lehrerbildungsanstalt weiter, erhielt eine feste Anstellung als Musiklehrer mit Verantwortung für die Ausbildung anderer Musiklehrer. Sein Einkommen verbesserte sich dadurch.

 

1877 wurde Leoš von Emilián Schulz (dem Direktor der Lehrerbildungsanstalt) als Klavierlehrer für seine Tochter Zdenka engagiert. Zdenka war 11 Jahre alt, Leoš 22. Als sie 14 Jahre alt war, hielt Leoš um ihre Hand an und sie wurde ihm zugesagt, eine Heirat aufgrund ihrer Jugend jedoch erst später. Aus heutiger Sicht wohl eine sonderbare Basis für eine Lebensbeziehung.

 

 

 

 

 

 

 

Zdenka Janáčkova, 1885. © Mährisches Landesmuseum

 

Mit Leoš Janáček wurde das Konzertleben im Besední Dům intensiv erweitert, unter anderen mit Stücken von Antonín Dvořak, der dadurch öfter nach Brünn reiste. Weitere Bildungsaufenthalte in Leipzig und Wien folgten, die Oper hat Leoš Janáček bis dahin jedoch immer noch links liegen lassen. Er wollte in Brünn eine Orgelschule nach dem Prager Vorbild gründen. 1881 gelingt ihm das auch in Form eines Vereins zur Förderung der Kirchenmusik in Mähren, aus dem dann die Orgelschule hervorging. Diese bildete lange Zeit den Fokus seines Berufslebens.

1881 erfolgte auch die Hochzeit mit Zdenka und ein Jahr darauf schon die Geburt der Tochter Olga. Erste Krisen in der Ehe zeigten sich jedoch schon sehr bald. Gründe dafür waren sicherlich der Altersunterschied, aber auch familiäre Querelen, die auf den sinnlosen Spannungen zwischen Deutschen und Tschechen basierten. Obwohl sie einander grundsätzlich achteten, kam es immer wieder zu Konfrontationen zwischen dem Deutschen Schulz und dem Panslawismus Janáčeks. Leider wurde schon zu dieser Zeit kein multiethnisches Miteinander gelebt. Was sich auch zeigte in der Gründung des wunderschönen Deutschen Theaters (das heutige Mahénovo Divadlo) zur Pflege Deutscher Kultur, während Tschechisches Drama nach wie vor an anderen Plätzen stattfand.

Etwa um 1884 entwickelte sich Janáček zum unbestrittenen Repräsentanten und Förderer des Brünner Musiklebens. Er gab die Musikzeitschrift Hudebny Listy heraus, in deren erster Ausgabe die Gründung des Tschechischen Theaters (genannt Brünner Interimstheater, im Ballsaal Orfeum) bekannt gegeben wurde. Bald wurden dort auch Opern aufgeführt. Mit den Hudebny Listy machte er sich leider nicht immer Freunde. So kritisierte er zum Beispiel die Kompositionen von Karel Kovařovic, der später tonangebender Intendant, Dirigent und Komponist am Prager Nationaltheater wurde.

 

Brünner Musiktempel: Mahénovo Divadlo (ehemals Deutsches Theater) links oben, Janáček Theater (1965) und Brünner Philharmonie (Besední Dům) rechts unten

 

Es folgten schwierige Zeiten für Leoš Janáček. 1888 entstand seine erste Oper Šarka, die aber vorerst in der Schublade landete, weil Julius Zeyer sein Libretto nicht freigab. Janáček hatte vorzeitig und schnell komponiert. Im selben Jahr wurde sein Sohn Vladimir geboren, er starb jedoch schon ein Jahr darauf an Scharlach. Die andauernde Berg- und Talfahrt der Beziehung zwischen Zdenka und Leoš verschlechterte sich so wieder.

Anfang 1891 kam Gabriela Preissová nach Brünn, um dort ihr erfolgreiches Theaterstück Jeji Pastorkyňa (Ihre Stieftochter) vorzustellen. Die erste Inspiration zu Janáčeks bekanntestem Meisterwerk. Es dauerte dennoch bis 1894, dass er sich dem Stoff aktiv zuwendete. Seine vielfältigen beruflichen Verpflichtungen in der ganzen Stadt – vornehmlich zur Förderung tschechischer Kultur - forderten über die nächsten Jahre immer wieder lange Unterbrechungen der Komposition von Opern. Reisen und Sammlungen tschechischer Volksmusik prägten zeitlebens eigene Kompositionen, zum Beispiel die Lachischen Tänze, Chor- und Klavierstücke.

 

Olga Janáčkova, 1899. Quelle: Archiv Leoše Janáčka, Moravské Zemské Muzeum, Oddělení hudby (F-I-247)

Rechts: Kamila Urválková – Janáčeks Freundin aus dem Kurort Luhačovice und Inspiration für die Oper Osud. © Mährisches Museum

 

Jeji Pastokyňa wurde schließlich 1902 fertiggestellt. Jedoch war dies überschattet vom Tod seiner schon lange an Herzschwäche und Rheuma kränkelnden Tochter Olga mit 20 Jahren. Natürlich war dies auch das endgültige emotionale Ende der an sich schon zerrütteten Ehe mit Zdenka. Die in Prag eingereichte Jeji Pastorkyňa wurde abgelehnt. Bald folgte seitens Leoš‘ ein Seitensprung mit einem schönen Kurschatten in Luhačovice – Kamila Urválková, was sich durch die briefliche Korrespondenz kaum verbergen ließ.

 

Die Uraufführung von Jeji Pastorkyňa erfolgte schließlich 1904 im Tschechischen Nationaltheater in Brünn – ein euphorischer Erfolg (obwohl dieses Theater bei weitem nicht so gut ausgestattet war wie das Deutsche), Janáček wurde groß gefeiert. Rezensionen aus Prag waren andererseits herablassend liebenswürdig. Es hat den Anschein als hätte es damals nicht nur Abgrenzung zwischen Deutschen und Tschechen gegeben, sondern auch zwischen Böhmen und Mähren. Wie bedauerlich, dass sich so großartige Kulturen andauernd gegenseitig im Wege standen. Erschwerend war in Prag sicherlich auch, dass mit dem zum Operndirektor aufgestiegenen Kovařevic nicht das beste Einvernehmen vorlag.

Mit seinen ersten Opern machte Janáček eher schleppende Fortschritte. Osud (Schicksal) wurde 1903 begonnen. In ihr wurde seine Liebschaft Kamila Urválková sozusagen verewigt. 1907 wurde sie vollendet, die Bemühungen um Prag waren jedoch wieder erfolglos. Somit landete auch Osud in der Schublade und wurde gar erst lange nach seinem Tod in Brünn 1958 uraufgeführt. Die Komposition von Die Ausflüge des Herrn Brouček erfolgte zwischen 1908 und 1917. Dessen Uraufführung war 1920 in Prag – die lange Entstehung deswegen, weil der zweite Teil (im 15. Jahrhundert) erst lange nach der Niederschrift des ersten (auf dem Mond) angegangen wurde.

 

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Das Häuschen neben der Orgelschule (heute ein kleines Museum) bezogen Leoš und Zdenka 1909. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges war Janáček 60 Jahre alt, seine berühmten, vielgespielten Opern noch nicht geschrieben. Die Spannungen zwischen deutschem und tschechisch-slawischem Nationalismus in Brünn verschärften sich.

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Gabriela Horvátová als Libuše (1915). Quelle: Wikipedia

 

Das Drängen einflussreicher tschechischer Künstler wurde so groß, dass Kovařevic einwilligte, Jeji Pastorkyňa in Prag anzunehmen. Allerdings nützte er die Gelegenheit zu Kritik an dem Meisterwerk und bestand auf notwendigen Änderungen (vor allem an der Instrumentierung), die natürlich von ihm als anerkanntem Komponisten selbst vorzunehmen sind. Die Prager Premiere (unter bestmöglichen Umständen, was Orchester, Chor und Haus betrifft) war Leoš so wichtig, dass er alles akzeptierte. Eine Liebschaft in Prag mit der hochdramatischen Sopranistin Gabriela Horvátová (Kostelnička) wird von Biographen angenommen. Die Ehe mit Zdenka war letztendlich nur noch eine Formsache nach außen hin.

Die Prager Premiere 1916 war ein grandioser Erfolg und der Beginn des Siegeszugs des Werkes und seines Meisters in die Welt. Ob dies den Überarbeitungen durch Kovařevic zu danken ist, sei intensiv zur Diskussion gestellt. Es folgte einfach ein Schritt aus Mähren hinaus auf eine Bühne mit Weltstandard. Wie auch immer – jedenfalls wurde diese Fassung jahrzehntelang weltweit gespielt, bis der Dirigent Sir Charles Mackerras (1925-2010) die Urfassung wieder publik machte und Ende des 20. Jahrhunderts eine Janáček-Renaissance auslöste, die bis heute anhält.

Die Zeit in Prag führte auch zur Freundschaft und Kooperation mit Max Brod (Redakteur des Prager Tagblatts und Schriftsteller), der intensiv insistierte, dass diese Oper übersetzt gehört, um internationales Publikum anzusprechen. An der Wiener Hofoper wurde sodann die Oper Jenufa (mit Maria Jeritza) ebenso erfolgreich aufgeführt.

 

1917 schließlich – und wieder in Luhačovice – lernte er seine berühmte Muse Kamila Stösslová kennen. Sie war zu dem Zeitpunkt 26 Jahre alt, stammte aus Písek und war mit dem Antiquitätenhändler und Soldaten David Stössel verheiratet. Dass es zu keiner intimen Beziehung kam, gilt als gesichert. Vieles ist in Janáčeks Opern aus der Schaffensperiode des Alters – und in seinen Liederzyklus Tagebuch eines Verschollenen – in die Beziehung zu der bewunderten Frau und Muse interpretiert worden. Es ist gewiss, dass diese Frau Sehnsüchte und Verklärungen in ihm erweckt hatte, die er auf sein musikalisches Alterswerk projizierte. Wir verdanken dieser Bewunderung und Liebe so herrliche Frauencharaktere wie Emilia Marty und Kát’a Kabanová, sollten aber in ihnen keine biografischen Züge suchen.

 

 

 

 

Kamila Stösslova. Quelle: Archiv Leoše Janáčka, Moravské Zemské Muzeum, Oddělení hudby (F-I-063)

 

Äußerst erfolgreich und wohlhabend (hohe Tantiemen) im Alter komponierte er – zügig und ohne Unterbrechung – einen Opernerfolg nach dem anderen, mit völlig verschiedenen Sujets:

Die leidende und moderne Frau in archaischen Gesellschaftsstrukturen (Kát’a Kabanová und Jenůfa). Ewiges Leben, die Sehnsucht danach und das Leid daraus (Die Sache Makropulos). Natur, Triebe und Liebe, Leben und Sterben (Das schlaue Füchslein). Die sündige und leidende Kreatur, von der jede von einem göttlichen Funken belebt ist (Aus einem Totenhaus).

Vylety páně Broučkovy (Narodní Divadlo Brno), mit Nicky Spence (Brouček). © Marek Olbrzymek

 

Links: Káťa Kabanová (Narodní Divadlo Brno), Kateřina Kněžiková (Káťa), Peter Berger (Boris) und Václava Krejči Housková (Varvara). © Marek Olbrzymek

Rechts: Z mrtvého domu / Glagolská Mše (Narodní Divadlo Brno). © Marek Olbrzymek

 

Die letzten Lebensjahre bis 1928 waren geprägt von vielen Reisen zu den Aufführungen seiner Opern, zu immer intensiveren Kontakten zu Kamila Stösslová – die platonische Beziehung blieb aufrecht – und immer mehr Aufenthalten in seinem Geburtsort Hukvaldy in dem Haus, das sie 1921 erwarben. Auch dort ist heute ein Museum eingerichtet. Janáček hatte einfach das Bedürfnis nach der Ruhe und der Natur, in der er geboren war.

 

 

 

 

 

 

 

Und im Sommer 1928 in Hukvaldy geschah es sehr schnell. Kamila Stösslová verbrachte eine Zeit dort mit ihrem Sohn Otto. Und Leoš erkrankte an einer Lungenentzündung und verstarb daraufhin im Krankenhaus im nahegelegenen Ostrava. In seinen letzten Lebenstagen war ihm seine geliebte Kamila am nächsten. Leoš ist auf dem Zentralfriedhof in Brünn begraben.

 

Links zu Leoš Janáček:

 

Umfassende Online-Bibel über Leoš Janáček, sein Leben und Wirken in Brünn:

https://www.leosjanacek.eu/de/

 

 

 

 

Info über die mehrbändige Janáček-Bibel in Buchform von Jiří Zahrádka (3 Bände publiziert, 2 weitere folgen, Tschechisch/Englisch):

https://musicwebinternational.com/?s=zahradka

Hier gibt es die Möglichkeit, Jiří Zahrádkas Bücher online zu kaufen. Diese sind auch in der Oper in Brno oder in akademischen Buchhandlungen in CZ erwerbbar:

https://www.prestomusic.com/books/search?search_query=zahradka

 

Link zu historischer Aufnahme mit Gabriela Horvátová als Kostelnička (Werbung ist eventuell zu Überspringen):

https://www.youtube.com/watch?v=11PxDH5NX-k

 

 

 

Link zum Janáček Festival in Brno (inkl. allen Informationen, Trailer, Tickets):

https://janacek-brno.cz/de/

 

 

 

 

 

 

 

 

Sujet Janáček Brno 2026, Design Michal Bačak und Žaneta Kögler