Donizetti in Bergamo

Veröffentlicht am 7. Februar 2026 um 15:58

Zumindest einmal im Jahr wird Bergamo zum Sehnsuchtsort für leidenschaftliche Opernliebhaber. In der lombardischen Stadt findet im November das Donizetti-Festival statt, das nahezu völlig dem Opernschaffen des Komponisten Gaetano Donizetti gewidmet ist. Der berühmte Belcanto-Komponist ist in Bergamo geboren und gestorben, die Stadt ist also nicht nur ein Pilgerort für sein musikalisches Schaffen, sondern auch für sein Leben.

Gaetano Donizetti, berühmtes ritratto postumo (von Ponziano Loverini 1877)

Bergamo, im Vordergrund jener Stadtteil außerhalb der Stadtmauer, in dem sich Donizettis Geburtshaus befindet

Piazza Vecchia in Bergamos Altstadt

In Bergamo gibt es zwei Opernhäuser, das Teatro Sociale (erbaut Anfang 19. Jahrhundert) im historischen Zentrum der Oberstadt und das Teatro Donizetti (erbaut Ende 18. Jahrhundert) in der Unterstadt. Operninstitutionen waren damals noch konkurrierende Gesellschaften, die nicht um ein ausbleibendes Publikum fürchten mussten. Beide Häuser spiegeln in ihrer Architektur als Logentheater auch die soziale Ordnung im jeweiligen Stadtteil und die Konkurrenz zwischen historischer Oberstadt und der sich erfolgreich entwickelnden modernen Unterstadt.

Teatro Donizetti (Bergamo, Piazza Cavour)

Denkmal von Donizetti (mit der Muse Melpomene, Skulptur von Francesco Jerace, 1897)

Glanz und Glamour dieser Zeiten der Hochblüte der Opernkultur mit ihren klassischen Erfolgstücken und zahlreichen Uraufführungen kann heute nur noch beim Donizetti-Festival erahnt werden. Im Laufe des Jahres setzt sich das Programm der kooperierenden Theater aus gelegentlichen Gastspielen und Koproduktionen zusammen. Für mich ist es natürlich sehr traurig, dass gerade in dem Land, wo Oper geboren wurde, immer mehr Häuser ihre eigenen Ensembles aufgeben mussten und müssen. Womit in Italien die Sichtweise auf Oper als museale, verfallende Kunstform verstärkt wird. Umso größer mein Danke an Bergamo für das starke Lebenszeichen dieser herrlichen Kunstform und meine Freude, daran teilhaben zu können!

Gaetano Donizetti wurde 1797 knapp außerhalb der Stadtmauern des historischen Zentrums geboren. Das Geburtshaus, in dem seine engere Familie nur einen Teil bewohnte, kann besichtigt werden.

 

Schon sehr bald wurde Donizetti der Besuch der Lezioni Caritatevoli di Musica – eine von Giovanni Simone Mayr gegründete Musikschule – ermöglicht. Mayr – ein heute kaum bekannter, jedoch für die Entwicklung der Oper äußerst bedeutender Komponist aus Deutschland – war jahrzehntelang Kapellmeister der Basilika Santa Maria Maggiore. Er selbst unterrichtete den jungen Donizetti in Komposition.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Links: In der Basilica Santa Maria Maggiore

 

Vor allem Mayr ist durch das Erkennen und den Glauben an das große Talent zu danken, dass es bereits 1818 zu Donizettis Debut einer abendfüllenden Oper („Enrico di Borgogna“ im heutigen Teatro Goldoni in Venedig) kam. Donizettis nächstes externes Engagement erfolgte 1822 (mit „Zoraida di Granata“) an das Teatro Argentina in Rom. Es folgten lange Jahre tiefer Verbundenheit in Napoli, viele Uraufführungen fanden dort statt, unter anderen auch „Lucia di Lammermoor“, von 1829-1838 war Donizetti auch Musikdiretor der königlichen Theater Napolis, des Teatro San Carlo, Teatro del Fondo und Teatro Nuovo.

Milano, Paris und Wien waren die weiteren wichtigsten Zentren für Donizettis internationales Schaffen. Die Uraufführungen seiner bekannten Opern „Anna Bolena“ (1830), „L’elisir d’amore“ (1832), „Lucrezia Borgia“ (1833) und „Maria Stuarda“ (1835) fanden in Milano statt. Seine Zeiten in Paris waren von Erfolgen, aber auch von gewissen Konkurrenzsituationen geprägt. 1835 ergab sich eine sehr zeitnahe Abfolge der Uraufführungen von Donizettis „Marin Faliero“ und Vincenzo Bellinis „I Puritani“, aus welcher „Konkurrenz“ die Oper Bellinis scheinbar als erfolgreichere wahrgenommen wurde. Unglücklicherweise starb Vincenzo Bellini kurze Zeit später. Donizetti ehrte seinen „Konkurrenten“ mit den Kompositionen eines Requiems und eines „Lamento per la morte di Bellini“.

Weitaus unangenehmere Konkurrenzsituationen folgten in Paris ab 1840 nach den großen Erfolgen Donizettis mit „La Favorite“, einer französischen Fassung der „Lucia di Lammermoor“ und weiteren ursprünglich für Milano komponierten Opern. Besonders Hector Berlioz trat als aggressiver Neider hervor, was in einem erhaltenen, gegenseitigen Schriftverkehr dokumentiert ist. Aber das ist eine von vielen anderen Geschichten aus dem bewegten Umfeld von Gaetano Donizetti für musikhistorisch Interessierte.

 

Was ein Familienleben betrifft, verblieb Gaetano Donizetti jegliches Glück. 1828 heiratete er Virginia Vasselli, die Tochter eines römischen Arztes. Das Paar musste jedoch nur gescheiterte Schwangerschaften, Totgeburten und eine schnell verstorbene Frühgeburt erleben. Virginia selbst starb 1837. Donizettis enorme Schaffenskraft und Produktivität in diesen Jahren waren sicherlich neben seinem Genie auch als Kompensation diesen furchtbaren Schicksalsschlägen geschuldet.

 

 

 

 

 

 

 

Virginia Vasselli (gemalt von Teodoro Ghezzi, aus wikipedia)

 

In Wien, wo 1842 die Uraufführung von „Linda di Chamounix“ stattfand, wurde Donizetti zum Kammerkapellmeister und Hofkomponisten von Kaiser Ferdinand I ernannt. Dies war neben einem attraktiven Gehalt auch mit zahlreichen Verpflichtungen, wie Dirigaten in der Oper und Komposition von Kantaten, verbunden und forderte lange Anwesenheiten in Wien. Als weitere Meilensteine folgten noch die Opern „Don Pasquale“ (1843) in Paris und „Caterina Cornaro“ (1844) in Napoli. Letztere wurde sehr erfolgreich beim letzten Festival in Bergamo 2025 präsentiert.

 

 

„Caterina Cornaro“ / Teatro Donizetti 2025, mit Carmela Remigio, Vito Priante und Enea Scala. © Photo Studio U. v., Osio Sopra.

 

1845 kam es in Paris zu einer rapiden Verschlechterung und einem Zusammenbruch von Donizettis Gesundheitszustand. Schübe von Fieber und Kopfschmerzattacken sowie Muskelschwächen wurden immer intensiver, ebenso psychische Auffälligkeiten, letztere in solchem Ausmaß, dass es zu einer zwangsweisen Einweisung in die Irrenanstalt in Ivry sur Seine führte. Es existieren Hilferufe Donizettis aus der Anstalt in Form von Briefen, auf welche erst nach Monaten reagiert werden konnte. Diplomatische Beziehungen aus Österreich und vor allem der Einsatz von Donizettis Schwiegervater Antonio Vasselli, Bruder Giuseppe und Neffen Andrea bewirkten zunächst, dass Donizetti die Anstalt verlassen konnte. Weitere Monate – immer wieder Verzögerungen durch Ärztegremien, die zuerst das Verlassen der Anstalt und dann die Reisefähigkeit nach Italien in Frage stellten – vergingen und bei Donizettis Ankunft in seiner Heimatstadt Bergamo waren sein geistiger Verfall, der Verlust seines Intellekts und die Schwächung seiner Muskulatur weit fortgeschritten. Die letzten Monate seines Lebens verbrachte Donizetti – weitgehend reduziert auf vegetative körperliche Funktionen – im Palazzo Basoni, wo die adelige Inhaberin Rosa Basoni angenehme Räumlichkeiten und Pflege zur Verfügung stellte. Gaetano Donizetti starb dort im April 1848.

Selbstverständlich steht als letztendliche Ursache eine Syphilis-Hypothese im Raum, was von vielen Autoren mehr oder weniger (wie beispielsweise von F. H. Franken „Die Krankheiten großer Komponisten“, Band 2, 1989) schlüssig dargelegt wird. In der Obduktion wurde auch eine chronische Enzephalitis dokumentiert. Zu dieser Zeit war eine Diagnose selbstverständlich nur ein Beobachtungsbefund ohne jegliche Mikroskopie, Histologie, Hämodiagnostik oder Erregernachweis. Viele Details und Ursachen für Krankheit und Tod von Berühmtheiten bleiben aus heutiger Sicht daher spekulativ. Gleiches gilt auch für die Kinderlosigkeit des Paares, die auf eine Rhesus-Unverträglichkeit zurückzuführen sein kann, was damals völlig unbekannt war.

Gaetano Donizettis Grabstätte und das Grabmal (linke Seite) befinden sich - neben dem seines Lehrers und Förderers Mayr (rechte Seite) - in der Basilica Santa Maria Maggiore in Bergamos Oberstadt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Grabmal von Gaetano Donizetti (Skulptur von Vincenzo Vela) und Giovanni Simone Mayr (Skulptur von Innocenzo Fraccaroli)

 

Links:

Zu den Opernhäusern:

https://www.teatrodonizetti.it/en/donizetti-theater-foundation/

 

Trailer zu „Zoraida di Granata“ (Werbeeinschaltung zu Beginn ist eventuell zu Überspringen), Produktion aus 2024 (Teatro Sociale), erwerbbar als Tonträger.

https://www.youtube.com/watch?v=vNFLJ_6Usho

 

Zu Accademia Carrara:

https://www.lacarrara.it/

Sehenswert: Gemäldegalerie der Accademia Carrara – neben Werken bedeutender Meister (von links nach rechts), wie Botticelli (Vir Dolorum) und Canaletto (Canal Grande da Ca‘ Foscari) auch „passend zum Programm 2025“ Francesco Hayez (C. Cornaro riceve l’annuncio della su disposizione dal Regno di Cipro, 1842) und wieder Ponziano Loverini (1886, La maledizione della Madre … quasi „von Belcanto zu Verismo in der Malerei“)

 

Zur Kulinarik:

Unbedingt ist in Bergamo die Süßspeise Polenta e Osei zu probieren (links), am besten in einem der Cafès der historischen Altstadt. Es gibt auch Torta del Donizetti.

 

Bergamo erlangte auch Berühmtheit mit Speiseeis. Angeblich ist hier im Cafè La Marianna (Oberstadt) das Stracciatella-Eis erfunden worden:

https://lamarianna.it/

 

Ich persönlich bin eher der Gelateria Carmen verfallen (rechts) mit Filialen in Ober- und Unterstadt:

https://carmengelato.com/