Oper aus Brasilien?! Claudio Franco de Sá Santoro (1919 – 1989) und seine einzige Oper „Alma“ aus dem Jahre 1984?! Welcher neugierige Opernliebhaber mit unendlicher Freude über die Wiederentdeckung von Raritäten würde da nicht aufhorchen? Im Anhaltischen Theater Dessau wird diese wahrlich exotische Oper als Europäische Erstaufführung im Februar 2026 aufgeführt. Also nichts wie hin!
Aus der Vorschau des Anhaltischen Theaters: Die Oper erzählt die Geschichte von Alma, einer jungen Frau aus einer kleinbürgerlichen Familie aus São Paulo. Sie gibt sich der Prostitution hin – aus unerklärlicher Liebe zu dem Gigolo Mauro, der sie als Zuhälter beherrscht und ausbeutet. Ihr Doppelleben verheimlicht sie vor ihrem Großvater Lucas wie auch von João do Carmo, einem armen Telegrafisten, der Alma liebt. Als Alma ein Kind von Mauro erwartet, flieht sie vor ihrem Zuhälter und sucht Hilfe bei ihrem Großvater, der sie jedoch fortschickt, um über ihn und sein Haus keine Schande zu bringen. João do Carmo nimmt die verzweifelte Alma auf und hofft, so ihr Herz zu gewinnen. Doch Almas Vergangenheit überschattet die Beziehung und bestimmt das Schicksal des Paares.
Opernhaus / Theater in Dessau
„Oh, Verismo pur“ ist doch das, was sich dabei als Erstes aufdrängt … und ja, warum nicht? Die Freuden und Sorgen normaler Menschen (no Kings, no Queens, no Gods) sind doch ein wesentliches Merkmal dieser Opern, was den Verismo zeitlos macht.
„Alma“ Europäische Erstaufführung am Anhaltischen Theater Dessau; Sujet Vorankündigung, Grafik © Robert Voss; Markus L. Frank (Dirigent), Kammersängerin Iordanka Derilova (Alma), Costa Latsos (João), Fotos © Claudia Heysel
Claudio Santoro, geboren 1919 in Manaus, überhäuft mit Ehrungen, Auszeichnungen und hochrangigen Ämtern in musikalischen Institutionen, führte ein langes (schon als kindliches Geigenwunder beginnendes), bewegtes und produktives Musikerleben. Sein Musikstil entspricht dem Neoklassizismus des 20. Jahrhunderts (Zwölftontechnik spart er weitestgehend aus) und beinhaltet in vielen Werken natürlich auch kulturspezifische Elemente seiner Heimat Brasilien.
Er gründete in Brasilien Orchester – das Chamber Orchestra of the Radio Ministry of Education in Rio de Janeiro und das Symphonic Orchestra of the National Theater of Brasilia.
Claudio Santoro, aus Anhaltisches Theater, © Archiv des Komponisten
Santoro war auch langjährig in Deutschland als Professor für Dirigieren an der Musikhochschule Mannheim tätig (1970-78). Viele Aufenthalte in und Einladungen von damals kommunistischen Staaten waren auch durch seine marxistisch orientierte (Mitglied der Kommunistischen Partei Brasiliens) politische Einstellung gegeben. Was ihm an anderen Stellen wieder Nachteile verursachte – so konnte er in den 40er Jahren ein Stipendium der Guggenheim-Stiftung nicht wahrnehmen, weil ihm ein Visum von den USA verweigert wurde. Glücklicherweise wurden ihm bald darauf Studien bei der weltbekannten Musikerin Nadia Boulanger in Paris ermöglicht.
Das musikalische Schaffen Santoros ist umfangreich, es umfasst Sinfonien, Klavierkonzerte, Streichquartette und verschiedenste Kammermusik. Die Uraufführung von „Alma“ fand 1985 in Brasilien statt.
Teatro Amazonas in Manaus, aus Wikipedia, 1896 im Wirtschaftsboom eröffnet und nach kurzer Spielzeit geschlossen, Wiedereröffnung erst 1990
„Alma“ 2019 am Festival Amazonas de Ópera, Denise de Freitas (als Alma); Fotos © Michael Dantas
Claudio Santoro verstarb während der Proben mit dem Symphonic Orchestra an einem Infarkt 1989 in Brasilia.
Die Firma Naxos widmet mit ihrer Serie „The music of Brazil“ diesem Land zahlreiche Tonträger. Oftmals empfohlen werden die 5. und die 7. Symphonie, Naxos 8.574402; EAN: 7 47313 440276.
Im Zusammenhang mit der Besonderheit dieser Europäischen Erstaufführung entsteht durchaus die Anregung, sich weiter mit brasilianischen Opernkomponisten zu beschäftigen, womit man unweigerlich bei Antônio Carlos Gomes landet. Allerdings liegt dessen Opernschaffen mehr als hundert Jahre vor Santoros Alma zurück. Gomes war als Opernkomponist vor allem in Italien tätig, seine bekannteste Oper „Il Guarany“ wurde 1870 im Teatro alla Scala in Milano uraufgeführt. Als Zeitgenosse Giuseppe Verdis fühlte auch Gomes sich von Victor Hugos Werken als Vorlage für Opern angezogen (beispielsweise für seine Oper „Maria Tudor“). Antonio Ghislanzoni – der Librettist für Verdis Aida – lieferte auch Libretti für Opern („Salvator Rosa“, „Fosca“) von Antônio Carlos Gomes. Eine Entdeckungsreise im Internet zu diesem nahezu vergessenen Komponisten lohnt sich jedenfalls.
„Lo Schiavo“ aus dem Teatro Lirico di Cagliari, 2019; © Priamo Tolu
Links:
Webpage zu Claudio Santoro:
http://www.claudiosantoro.art.br/San_Eng/open.html
Link zu Anhaltisches Theater:
https://anhaltisches-theater.de/alma
Zu Naxos – Music of Brazil:
https://www.naxos.com/EditionSeries/Detail/?title=The_Music_of_Brazil
Zur Aufführung (You Tube) beim Festival Amazonas 2019:
https://www.youtube.com/watch?v=aq9JU3IrT24&list=RDaq9JU3IrT24&start_radio=1
Zur Aufführung von „Il Guarany“ aus dem Theatro Municipal de São Paulo, 2023 [mit Robert Minczuk (Dirigent), Enrique Bravo (Peri), Laura Pisani (Cecilia) und Bongani J. Kubheka (Gonzales)]:
https://youtu.be/x5c1WgTz6kM?si=0xVbLAZbOaemQ_JO
Trailer zu „Lo Schiavo“ für eine auf Tonträger erhältliche Aufnahme aus Cagliari, 2019:
https://www.youtube.com/watch?v=ZJ3fSWeYNDI