Zweifellos hat Ruggiero Leoncavallo es geschafft, neben Pietro Mascagni als Schöpfer und bedeutende Vertreter des Verismo Weltberühmtheit bis heute zu erlangen. Den Triumph seiner „Pagliacci“ konnte er jedoch nicht mehr übertreffen. Doch es gibt noch viel zu entdecken. So wird das Teatro Regio Torino demnächst seine „La Bohème“ im Rahmen eines Verismo-Schwerpunktes aufführen.
Ruggiero Leoncavallo, Quelle: wikimedia
Ruggiero Leoncavallo (1857 – 1919) war schon als Komponist tätig, als er 1890 durch Pietro Mascagnis „Cavalleria rusticana“ inspiriert wurde und seine eigene Verismo-Oper „Pagliacci“ schrieb (Uraufführung 1892 in Milano) – jene Oper, die heute nahezu untrennbar mit Mascagnis Meisterwerk verbunden ist. Zwei vorbildhafte Einakter prägten somit eine jahrzehntelange Epoche (Verismo), deren Erfolge weder Mascagni noch Leoncavallo mit weiteren großartigen Opern übertreffen konnten. Was für eine unverständliche Dynamik!
Poster der Uraufführung. Quelle interlude.hk
Dabei ist Leoncavallos Schaffen nach dem Erfolg von „Pagliacci“ höchst inspiriert. Es folgte (1893 in Milano) „I Medici“ – eine packende Oper, die als ein Teil einer Renaissance-Trilogie gedacht war, „Crepusculum“. Ganz nach dem Vorbild Richard Wagners – dem großen deutschen Meister, mit dem Leoncavallo gemein hatte, dass er seine Libretti selbst schrieb. Und schließlich wurde „La Bohème“ uraufgeführt (1897 in Venezia), etwa ein Jahr nach Puccini.
Auch Ruggiero Leoncavallos Oper basiert auf derselben literarischen Vorlage, Henri Murgers „Vie de Bohème“. Ich halte jedoch wenig davon, die beiden Meisterwerke kompetitiv zu vergleichen. Das fällt letzten Endes bei „Manon Lescaut“ auch niemandem ein. Beide Komponisten schufen ein Meisterwerk. Lediglich der Dynamik des Opernbetriebes – damals wie heute – ist es zu verdanken, dass eines auf der Strecke blieb.
Im Folgenden eine Inhaltsangabe als Leitfaden durch Leoncavallos „La Bohème“. Die Musikbeispiele aus YouTube werden wahrscheinlich durch Werbung belästigt, etwas Geduld ist eventuell erforderlich.
ERSTER AKT
Café Momus. Weihnachten. Die Bohème (junge Künstler) trifft sich hier regelmäßig. Der Wirt Gaudenzio beklagt sich bei dem Musiker Schaunard, dass seine Freunde – unter ihnen der Dichter Rodolfo und der Maler Marcello - ständig das Café Momus in Anspruch nehmen und dadurch zahlungskräftigere Kunden entfernt halten. Schaunard verspricht künftig Veranstaltungen, die viele Gäste anlocken und Gaudenzio eine Menge Geld bringen werden.
Im Vergleich zu Puccinis Version hat Schaunard bei Leoncavallo eine wesentlich größere Rolle und wir lernen auch seine Liebe Eufemia kennen.
Leoncavallos Version startet im Café Momus. Die Atmosphäre des ersten Aktes ist sehr von Heiterkeit geprägt. Im Laufe der Oper wird diese zunehmend ernsthafter und trauriger. Insgesamt erscheint Leoncavallos Oper etwas naturalistischer. Die Verdrängung der Realität und ein sturer Idealismus der Jugend gegenüber der Härte und Not durch Armut, Krankheit und Kälte wird stärker ausgeführt.
Es treten Marcello, Rodolfo und Eufemia auf, die den Wirt zur Eile treiben. Ebenso der Philosoph Colline, der ein chinesisches Wörterbuch und die Ilias in griechischer Sprache gefunden und gekauft hat. Schließlich kommen Mimi - die Freundin Rodolfos - und Musette. Sie wird von Mimi vorgestellt.
(https://www.youtube.com/watch?v=v56UxCXHxik – Ermonela Jaho / aus der CD Anima Rara)
Musette wird herzlich im Kreis der Bohème aufgenommen. Enthusiastisch bestellen die Freunde ein kostspieliges Abendessen und teure Weine.
Die Stimmlagen sind bei Leoncavallo anders verteilt. Rodolfo ist für Bariton, Marcello für Tenor und Musette für Mezzosopran komponiert.
Musette singt ein Lied über ihre Freundin Mimi.
(https://www.youtube.com/watch?v=qfIy8Yx3XL4&t=4s - Ermonela Jaho / aus der CD Anima Rara)
Alle essen, trinken und feiern sorglos und als sie fertig sind, kann wieder einmal niemand die Rechnung bezahlen. Gaudenzio verlangt sofortige Zahlung.
Barbemuche, der das Café vorhin schon betreten hatte, stellt sich als philosophischer Literat vor, möchte mit den Künstlern Freundschaft schließen und das Abendessen bezahlen. Doch die Freunde sind ablehnend, ein unausgesprochener Ehrenkodex der Bohème scheint damit nicht vereinbar zu sein. Man vereinbart, am Billardtisch um die Bezahlung zu spielen.
Eine Figur wie Barbemuche tritt bei Puccini nicht auf. In der literarischen Vorlage Vie de Bohème hat Henri Murger angeblich mit dieser Figur künstlerische Rivalen karikiert.
Das Billardspiel findet im Hintergrund in einem Nebenzimmer statt und wird von Gaudenzio kommentiert. Im Vordergrund erleben wir ein schönes Liebesduett mit Marcello und Musette. Schaunard gewinnt beim Billard und Barbemuche – ein taktischer Verlierer (?) – „darf“ nun die Rechnung bezahlen. Das Weihnachtsfest geht weiter.
ZWEITER AKT
Hof vor Musettas Haus. Im zweiten Akt wird die Atmosphäre etwas verdunkelter. Die Lieben vertiefen sich, aufgrund der Armut entzweien sie sich jedoch gleichzeitig immer mehr.
Der Portier Durand erzählt den Leuten, dass Musette von ihrem Liebhaber, von dem sie finanziell abhängig war, wegen ihrer Untreue mit Marcello verlassen wurde. Ihre Möbel wurden verpfändet und in den Innenhof ihres bisherigen Wohnhauses getragen.
Marcello bietet Musette seine ärmliche Wohnung als Unterkunft an, was sie dankend annimmt.
(https://www.youtube.com/watch?v=e1E-dxq-lF8&t=29s – Roberto Alagna / aus der CD Nessun dorma)
Musette erinnert sich, dass sie für heute Gäste eingeladen hat. Somit werden wieder ernsthafte Sorgen in Festlichkeiten verborgen.
Schaunard und kurz darauf auch Rodolfo treffen ein und die Freunde kommen auf die Idee, die Einladung hier im Hof stattfinden zu lassen. Durand ist nach einer kleinen finanziellen Erkenntlichkeit bereit, den Innenhof festlich zu beleuchten.
Unter den Gästen sind auch Mimi, Eufemia sowie Barbemuche mit einem Grafen Paolo. Die Zusammenkunft der Gäste gipfelt in der Hymne der Bohème.
Unter weiteren Darbietungen findet sich auch in Leoncavallos Version ein Walzer der Musette.
Der Graf Paolo macht unterdessen Mimi den Hof. Im weiteren Laufe des Festes protestieren die Hausbewohner wegen des Lärmes. Der zweite Akt steuert immer mehr auf Konfusion zu, während der Mimi ungesehen mit dem Grafen verschwindet. Rodolfo sucht nach ihr vergebens.
DRITTER AKT
Marcellos Dachkammer. Schaunard erzählt Marcello, dass er mit Eufemia gebrochen habe. Unter demselben Kummer leidet Rodolfo, weil Mimi ihn verlassen hat.
Marcello wendet sich an Musette und sie trauern über ihre verwelkende Rose am Fenster – ein Symbol ihrer Liebe. Schaunard und Marcello verlassen die Szene und Musette denkt darüber nach, Marcello zu verlassen.
Die Beweggründe, warum die Frauen sich ihren reichen Liebhabern hingeben – der Hunger, das Leid, die Kälte … - erscheinen in Leoncavallos Version drastischer und verständlicher.
Musette schreibt einen Brief und bittet einen Portier, diesen Marcello zu übergeben. Als sie fortgehen will, begegnet sie Mimi. Diese sucht Rodolfo, um ihn um Vergebung zu bitten. Musette will ihr davon abraten, aber sie erklärt, dass sie gerne Elend und Entbehrungen auf sich nehmen wolle, weil sie ihn liebe. Als sie hören, dass Marcello zurückkehrt, versteckt sich Mimi.
Wütend erscheint Marcello und beschimpft Musette. Sie gesteht, dass sie ihn immer noch liebe, es aber so nicht mehr aushalte, doch er glaubt ihr nicht und beleidigt sie. Da wendet sich Musette entschlossen dem Ausgang zu.
Während Marcello sie aufzuhalten versucht, wird die versteckte Mimi entdeckt. Marcello ist erstaunt, sie hier zu sehen und ruft Rodolfo. „Viva la Bohème“, ruft er ihm zu mit wütendem Zynismus. Mimi habe Musette einen neuen Beschützer beschafft. Mimi bittet, ihm nicht zu glauben. Rodolfo jedoch erniedrigt die „Frau Gräfin“.
Musette schlägt Mimi vor, mit ihr zu gehen. Marcello fordert sie noch auf, alle ihre Sachen mit sich zu nehmen. Während Mimi weinend wartet, packt Musette ihre Sachen und nimmt noch die verdorrte Rose. Dann verabschiedet sie sich von Marcello. Mit einer ergreifenden Arie trauert Marcello der verlorenen Liebe nach.
(https://www.youtube.com/watch?v=M8okJYiiIo8 – Franco Bonisolli / aus der Gesamtaufnahme unter Leitung von Heinz Wallberg)
VIERTER AKT
Rodolfos Dachkammer. Aus dramaturgischer Perspektive baut sich die Liebe von Rodolfo und Mimi nicht über die ganze Oper auf (wie bei Puccini). Es erscheinen eher Marcello und Musette als das Hauptpaar. Erst im vierten Akt stehen Mimi und Rodolfo im Mittelpunkt.
Rodolfo sitzt am Schreibtisch und beklagt sein Schicksal.
(https://www.youtube.com/watch?v=31cgVebdfXA – Vittorio Vitelli, Wien 2002)
Marcello und Schaunard kommen mit ein wenig Essen und erinnern sich an den Weihnachtsabend vom vorigen Jahr und an ihre unglücklichen Lieben.
Da tritt Mimi schüchtern und zitternd ein. Sie bittet, eine Nacht bleiben zu dürfen, da sie kein anderes Quartier habe. Schaunard lädt sie ein, herein zu kommen. Mimi erzählt, der Graf habe sie verlassen. Sie wäre krank geworden, habe lange im Krankenhaus gelegen, wurde aber entlassen, als sie nicht mehr zahlen konnte. Sie bekommt einen Hustenanfall und Schaunard führt sie an den Tisch.
Überwältigt stürmt Rodolfo herbei und nimmt sie in den Arm. Sie bittet ihn um Vergebung, sie habe sich geändert. Als Rodolfo fühlt, wie eiskalt sie ist, zerbricht Marcello einen Stuhl und macht Feuer.
Schließlich kommt auch Musette, auf der Treppe das Lied über Mimi aus dem ersten Akt singend. Sie ist elegant gekleidet. Als sie jedoch Mimis Elend sieht, nimmt sie ihren Schmuck ab und schickt Schaunard, dafür einen Arzt zu holen.
Mimi fühlt ihr Ende. Während Rodolfo sie in den Armen hält, träumt sie noch einmal von den schönen Zeiten mit ihm und stirbt. „Natale, Natale“.
Interessant ist auch, dass Ruggiero Leoncavallo 1913 (in Palermo) eine Umarbeitung machte – „Mimi Pinson“ (literarisch beeinflusst durch Alfred de Mussets Porträt einer Grisette, 1845). In dieser Umarbeitung präsentieren sich Rodolfo und Marcello wiederum als Tenor und Bariton, wie bei Puccini.
Hier möchte ich auch eine historische Aufnahme der Arie der Musette präsentieren. Rosina Storchio war eine sehr berühmte Sängerin, die in der Uraufführung die Mimi sang. Aus 1911 ist jedoch ihre Interpretation als Musette erhalten:
https://youtu.be/7HYCT4D2ELA?si=nkh80QhFsHyxYh_o
Schließlich möchte ich noch auf diese schöne Gesamtaufnahme hinweisen, ein Klassiker der Schallplatten-Geschichte mit Heinz Wallberg, Lucia Popp, Bernd Weikl, Alexandrina Milcheva und Franco Bonisolli:
https://youtu.be/ka1CgvGLXBc?si=HvMdZxj_7SLbUzjV
Links: Sujet zur Oper / aus der Website des Teatro Regio
Ich möchte dem wunderbaren Teatro Regio di Torino einen großen Dank aussprechen, dass es im Rahmen eines Verismo-Schwerpunktes im Herbst 2026 auch Leoncavallos „La Bohème“ vorstellt. Ich kann nur empfehlen, so wie ich, nach Torino zu kommen. Torino ist außerdem eine äußerst lebhafte, originäre italienische Stadt, in der es viel zu entdecken gibt, vom Grabtuch Christi bis zur Kaffeespezialität „Bicerin“:
Museo Egizio Torino
Quelle aus visititaly.eu
Museo Nazionale Risorgimento Italiano
https://www.museorisorgimentotorino.it/
Quelle aus arte.it
Museo della Sindone
Das Grabtuch ist verwahrt im Duomo di Torino, in der Stadt gibt es zahlreiche Repliken, sehr schöne in der Parrocchia della Santissima Annunziata (Via Po)
Und schließlich darf niemand die Kaffeespezialität „Bicerin“ (eine Komposition aus Kaffee, Bitterschokolade und Sahne) versäumen! Es gibt sie in nahezu jedem Café der Stadt.
Viel Freude in Torino!