Oper ist eine lebende Kunstform. Dass ihr heutzutage lediglich musealer Charakter nachgesagt wird, liegt an einzelnen Opernhäusern, die sich einem gewissen Starkult verschrieben haben, womit sie allerdings die größte mediale Aufmerksamkeit erhalten. Dadurch entsteht das Trugbild „Museum“. Die Mehrzahl der Häuser und Institutionen engagiert sich auch für den Reichtum der Kunstform Oper abseits der hohe Auslastung versprechenden Meisterwerke. Und für KomponistInnen, die sich nicht in die Sackgasse der Atonalität verirrten, die immer noch mit Harmonien und Melodien ihre Kunst, Emotionen und Katharsis vermitteln können … und davon gibt es auch heute noch viele! Einer von ihnen ist Imants Kalniņš.
Imants Kalniņš – geboren 1941 in Riga – schrieb unter anderem Opern und Sinfonien, aber auch Rock-Songs, die vor allem in den 60er Jahren von beliebten lettischen Bands gespielt wurden. Der Zeit entsprechend enthielten diese Lieder natürlich gesellschaftskritische und hippiemäßige Weltansicht und wurden schließlich von den sowjetischen Behörden verboten.
Imants Kalniņš, aus Wikipedia
Imants Kalniņš, 70er Jahre. Quelle: IMDB (Internet Movie Database) – nm0436143
Der Youtube Channel zu Imants Kalniņš und der Link zu LMIC (Latvian Music Information Centre) sind Schatztruhen zu diesen Songs und selbstverständlich auch zu seiner klassischen Musik.
Youtube Channel zu Imants Kalnins:
https://www.youtube.com/channel/UCvhu8hn90fDMaNcHf2-JKCQ
Link zu Latvian Music Information Centre:
Imants Kalniņš war zeitlebens politisch engagiert, aktiv in der Latvijas Tautas fronte (Lettische Volksfront) vor der Unabhängigkeit und später in den 90er Jahren in der Saeima, dem lettischen Parlament.
Seine Oper „Spēlēju, dancoju“ (Ich spielte, ich tanzte) ist der geniale Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens und Kampfes um Freiheit und Identität. Verschleiert in einer lettischen Sage um den Kokle spielenden Sänger Tots und die in die Unterwelt entführte Braut Lelde wird die Sehnsucht des lettischen Volkes nach Freiheit und Auferstehung mitreissend zum Ausdruck gebracht.
Kokle – traditionelles lettisches Saitenzupfinstrument. Photo aus Música Para Ver / Instrumentos del Mundo
Basis der Oper ist das gleichnamige Drama des lettischen Nationaldichters Rainis (Jānis Pliekšāns / 1865-1929), dessen literarischer Freiheitskampf sich gegen das zaristische Russland richtete. Rainis verbrachte einen Großteil seines Lebens in Verbannung und Exil.
Jānis Pliekšāns / Pseudonym Rainis, Quelle. Wikipedia
Kalniņš erachtete dieses Drama als ideal, um seinen Aussagen in verhüllter, symbolistischer Form auf die Bühne zu verhelfen. Für das lettische Publikum war der Inhalt in Form von Gestalten und Symbolen aus lettischer Mythologie und Märchenwelt verständlich. Wir brauchen dieses Hintergrundwissen, um seine Oper verstehen zu können.
Lilija Greidāne und Kārlis Zariņš operā "Spēlēju, dancoju", Foto: LNO
Imants Kalniņš mit Imants Ziedoņis. Quelle: lsm.lv (Latvijas Sabiedriskais Medijs)
Link zur Aufnahme aus 1981 (Lettland) mit Kārlis Zariņš als Tots. (Werbung ist gegebenenfalls zu Überspringen) Ein Leitfaden zu dieser historischen Tonaufnahme in lettischer Sprache findet sich in der Inhaltsangabe.
Inhalt der Oper
Die Zeitangaben in Klammer beziehen sich auf den Beginn der jeweils beschriebenen Szene in dem auf Youtube verfügbaren Audio der gesamten Oper. Ich möchte versuchen, dieser dokumentarischen Aufnahme in lettischer Sprache dadurch etwas mehr Struktur und Zugänglichkeit zu geben.
Erster Akt
(09:08) Beginn der Oper. Die Hochzeitsfeier von Lelde und Zemgus soll gleich beginnen. (15:00) Es erscheinen drei ungebetene Gäste – Märchenfiguren – eine Hexe, ein blinder Mann, ein lahmer Mann und der Sänger Tots mit seinem Instrument, einer Kokle. Die Märchenfiguren sprechen düstere Prophezeiungen aus. Tots hingegen unterhält die Gesellschaft und Lelde mit einem Lied - Spēlēju, dancoju. (23:45) Lelde ist berührt, das Lied erweckt in ihr ein Gefühl der Freiheit und Lebensfreude. Das Tanzen auf ihrer Hochzeit soll weitergehen. Unbemerkt erscheint der Dämon des alten Lords auf der Hochzeitsfeier und stiehlt drei Tropfen des Blutes von Lelde. (28:35) Sämtliche Saiten von Tots‘ Kokle reissen und Lelde stirbt.
(31:40) Zemgus und Tots trauern um Lelde, sie geraten in Streit. Tots fleht von Mutter Erde, dass sie das Mädchen wieder ins Leben zurückbringt. (36:42) Die Maulwurfsgrille erscheint als Botin der Mutter Erde. Sie gibt Tots Wurzeln als Ersatz für seine gerissenen Saiten und spricht über die Macht des Gesanges, um Böses zu bekämpfen. Tots solle in die Erde hinabsteigen und Lelde suchen.
(40:18) Tots begegnet den Geistern der Toten. Sie flehen ihn an, für sie und für Lelde zu kämpfen, denn ihr Frieden und ihr Vermächtnis im Leben werden durch das Leid, das die Dämonen über sie bringen, gestört. Dazu muss er dem dreiköpfigen Dämon die Kerze des Todes entwenden und damit und den drei gestohlenen Blutstropfen Lelde wieder ins Leben bringen. Tots macht sich auf den Weg in die Unterwelt (47:33 Ende 1. Akt).
Zweiter Akt
(49:40) In der Unterwelt sucht Tots, der sich als Toter ausgibt, nach dem alten Lord. Er findet ihn und dieser ist von Leldes Blut immer noch berauscht. Der Lord bestätigt Tots, dass er mit den Blutstropfen Lelde ins Leben zurückholen kann. (53:20) Andere Dämonen zweifeln daran, dass Tots wirklich tot ist. Von dem Lärm gestört, erscheint auch ihr Herrscher, der dreiköpfige Dämon (55:45). Tots wird zu Spiel und Gesang aufgefordert. Er begeistert und überlistet die Dämonen damit, so dass sie ihm einen Teufelsschwanz schenken, den er als Schnur für seine Kokle annimmt (59:20). Sein Instrument gewinnt immer mehr Klang und Macht.
(1:01:40) Endlich findet er Lelde. Sie ist sehr geschwächt, jedoch noch nicht gänzlich in der Macht der Dämonen. Sie gibt Tots ein Haar von ihr als weitere Saite für seine Kokle. (1:07:55) Tots will den alten Lord überlisten, um an die Blutstropfen zu gelangen. Er gaukelt ihm gesanglich eine Hochzeit mit Lelde vor. Angestachelt von dem Gesang reissen die Dämonen die Blutstropfen aus dem Körper des alten Lords. Diese fallen aber zu Boden und versickern. In der Erde, von der Tots ja Hilfe zugesagt bekommen hatte.
(1:10:00) Auch der dreiköpfige Dämon ist bewegt und macht Tots das Angebot, als neuer Herrscher in der Unterwelt zu bleiben. Er selbst sehne sich nach Ruhe und Tots erinnere ihn an seinen Sohn, der jedoch die Unterwelt um die Freuden der Welt und des Lebens verließ. Tots zieht es jedoch vor, beide Welten zu verbinden (1:16:20). Die Dämonen versuchen, Tots am Verlassen der Unterwelt zu hindern. (1:21:55) Tots ruft die Toten um Hilfe an, die ihm die Kerze des Todes bringen. Mit ihr kann er die Dämonen vertreiben. (1:25:05) Tots kann Lelde nun stärken und mit ihr die Unterwelt verlassen. Doch die Kerze wurde ihm auch übergeben, um das Gedenken an die Toten in die Gegenwart und in die Zukunft zu bringen (1:28:25 Ende 2. Akt).
Dritter Akt
(1:30:25) Auf der Erde wird besorgt auf Tots Rückkehr gewartet. Die Hexe, der Lahme und der Blinde berichten von den düsteren Geschehnissen der Nacht und machen wenig Hoffnung. (1:33:35) Tots bringt die apathische Lelde und lässt sich weder von den Märchenfiguren noch von dem abweisenden Zemgus einschüchtern. Er entzündet die Kerze des Todes, deren Licht sich mit jenem der aufgehenden Sonne verbindet und den Toten ihren Frieden bringt. (1:41:25) Doch dies reicht nicht, um Lelde am Leben zu erhalten. Sie benötigt immer noch die drei Blutstropfen. Diese sind verloren und jemand muss sich für sie opfern. Zemgus ist nicht dazu bereit. (1:47:35) Tots erkennt, dass nur er selbst Lelde sein Blut geben kann. (1:51:05) Er tötet sich selbst und bringt endlich damit Lelde ins Leben zurück. Sie übernimmt Tots‘ Lied, während er stirbt. Die Maulwurfsgrille verklärt Tots als Heiligen und verkündet, dass er und sein Lied in jedem Menschen weiterleben werden (1:59:20 Ende 3. Akt).
Aus LMIC: Die Musik von Imants Kalniņš ist absolut individuell. Sowohl in klassischen als auch in nicht-akademischen Genres ist der unverwechselbare Stil des Komponisten gleichermaßen erkennbar – genauso brillant in der Sinfonik wie in der Popmusik. Ostinati-Figuren und detaillierte Verzierungen der Melodien oder Hauptthemen sind allgegenwärtig, charakteristische harmonische Fortschreitungen und Kadenzwechsel fehlen nicht. Während Werke aus der frühen Schaffenszeit einen expressionistischen Charakter zeigen, zeichnen sich seine späteren Werke durch kristallklare Textur und klassisches Denken aus. Er fühlt sich in ausgedehnten Werken, großen Formen, sehr wohl: Ich genieße ein längeres Gespräch mit dem Zuhörer. Die Musik von Imants Kalniņš hat sich zu einem starken Einfluss auf seine Kollegen entwickelt, oft gibt es Anlass, von Epigonen Kalņiņš zu sprechen. Allerdings nicht im Sinne von plagiatischem Epigonentum, sondern als Spur einer kraftvollen musikalischen Persönlichkeit auf seine Zeitgenossen und deren Musik.
Orests Silabriedis
Leider ist der ausgezeichnete Videostream von Operavision zur Zeit nicht mehr verfügbar, mit Ausnahme von zwei Szenen.
Auf dem Youtube Channel von Marlēna Keine sind weitere Szenen verfügbar.
Aus der Produktion in Riga / Stream von Operavision (2020). © teilweise bei den SängerInnen, Photos von Agnese Zeltina
© © Raimonds Bramanis & Marlēna Keine - photos: Agnese Zeltina
© © Rihards Mačanovskis & Jānis Apeinis - photos: Agnese Zeltina
Noch online verfügbare Szene aus dem Stream von Operavision – 1. Akt, Einführung des titelgebenden Motivs Spēlēju, dancoju ….
https://youtu.be/27kLd3U94tc?si=Q1XCz19oSLwyzlrK
Noch online verfügbare Szene aus dem Stream von Operavision – Chor der Toten:
https://youtu.be/a69MSrHeYbE?si=5zWov7vIEKoWRQ5u
Aus Marlēna Keines Youtube Channel. Hochzeitsszene aus dem 1. Akt und Finale der Oper (Werbung ist gegebenenfalls zu Überspringen):
Operavision ist mit Sicherheit die wichtigste Streaming-Plattform für neugierige Opernenthusiasten. Hier werden interessanteste Produktionen in ausgewählten europäischen Opernhäusern zeitbegrenzt (gratis und OHNE Werbung !) in höchster technischer und künstlerischer Qualität angeboten. Ebenso Hintergründe zu den Produktionen und Werken … und interessante Podcasts. Ein Paradies für Opernenthusiasten! https://operavision.eu/de